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WEINEN

 

Wenn wir Eltern werden und nach der Geburt dieses kleine Wunder Mensch in unseren Armen halten, beginnt das Abenteuer Elternschaft, welches uns reich beschenkt und uns allerdings auch an unsere Grenzen bringen kann.

Und das vor allem dann, wenn unser Baby nicht zufrieden ist oder nicht gut schläft, sondern uns mit seinem Weinen und Quengeln gefühlte 24 Stunden auf Trab hält.

 

Aware Parenting lehrt und belegt, dass es ein Weinen bei unseren Babys gibt, welches von uns Eltern nicht sofort gestoppt werden kann und muss.

Wie? Was? Denken jetzt vielleicht einige Eltern? Ich kann doch mein Baby nicht weinen lassen. Nein, bitte auf keinen Fall weinen oder schreien lassen und vor allem nicht alleine. Das ist eine schreckliche Erfahrung für jedes Babys (und auch für die Eltern).

Dennoch möchte ich erklären, was ich damit meine, dass es ein Weinen unserer Babys gibt, welches nicht sofort gestoppt werden kann (und muss).

Wenn ein Baby weint, dann ist unsere Aufgabe als Eltern zuerst zu schauen, was sein Bedürfnis ist: hat es Hunger (oder Durst), zu warm, zu kalt, möchte es unsere Nähe oder eine frische Windel oder fühlt es sich in seiner Umgebung nicht wohl, weil es z.B. zu laut ist oder zu viele (fremde) Menschen da sind. Vielleicht hat es Schmerzen oder es hat Angst oder ist von zu vielen Reizen überflutet. Es kann auch sein, dass es müde ist und ins Bett gebracht werden möchte. Wenn wir das Bedürfnis erkennen und erfüllen, dann ist das Baby zufrieden und hört auf zu weinen. Alles ist gut!

Heute möchte ich aber auf das andere Weinen eingehen, das Weinen, das nicht aufhört, wenn wir alle oben genannten Bedürfnisse erfüllt haben. Wir haben unser Baby gestillt oder gefüttert, es hat eine frische Windel bekommen und ist auf unserem Arm und dennoch ist es weiter am Weinen. Dieses Weinen stresst uns Eltern sehr. Wir fragen uns immer wieder, was unserem Baby fehlen könnte, probieren das eine oder andere aus: vielleicht ist es zu warm oder möchte unterhalten werden usw. – es ist doch müde und findet aber einfach nicht in den Schlaf. Muss es noch ein Bäuerchen machen oder will es nochmals auf den Arm – nichts der gleichen – es weint einfach untröstlich weiter..

Und hier beginnt unser Stress als Eltern – was haben wir übersehen, wie könnten wir unser Baby endlich, endlich beruhigen? Herumlaufen, schaukeln und wiegen – im Fliegergriff oder über der Schulter – bringt kurz eine Pause beim Weinen, aber sobald das Schaukeln, Wiegen oder Laufen aufhört, fängt das Weinen wieder an. Manche Eltern sind sogar so verzweifelt, dass sie eine runde im Auto fahren oder das Kind in der Babyschale auf die laufende Waschmaschine stellen, damit es endlich mit dem Weinen aufhört.

Was wäre, wenn dieses Weinen von uns Eltern gar nicht gestoppt werden müsste? Als ich diese Botschaft von Dr. Aletha Solter zum ersten Mal vernahm, horchte sofort etwas auf in mir! Was, wenn Babys auch das Bedürfnis haben zu weinen, weil sie nämlich etwas erzählen wollen, wozu sie noch keine Sprache haben, sondern was sie nur mit ihrem Weinen ausdrücken können. Das leuchtete mir ein und ich wollte noch mehr wissen…
Was ich erfuhr, erleichterte meinen Mama-Alltag – unseren Familien-Alltag so sehr, dass ich heute immer noch dankbar bin dafür und dieses Wissen gerne weitergebe.

Wir Menschen erleben immer wieder stressende Situationen in unserem Alltag und ein Baby sowie auch größere Kinder erleben eben auch Stress. Wir Erwachsenen haben verschiedene Mechanismen, um diesen Stress wieder los zu werden. Wir Großen tun dies u.a. über Bewegen (z.B. Joggen oder anderer Sport) und wir können jemandem davon erzählen – z.B. unserem Partner / unserer Partnerin oder einem guten Freund / einer guten Freundin. Nachdem uns jemand einfühlsam und offen zugehört hat, geht es uns schon besser.

Genauso ist es auch mit dem Weinen bei unseren Babys und Kindern. Es ist in den ersten Lebensmonaten und -Jahren ihre einzige Sprache, um uns Eltern zu erzählen, was sie erlebt haben und nicht gut für sie war, z.B. ein zu langer Einkauf mit zu vielen (lauten) Eindrücken und unruhigen Menschen. Oder ein Arztbesuch mit einer schmerzhaften Untersuchung oder gar Impfung. Oder eine schwere lange Geburt, die in einem Kaiserschnitt mit Trennung von Mama und Papa nach der Geburt endete. Was für ein krasser Start ins Leben für Mama, Papa und Baby und was für ein Schock für alle Drei. Wir Großen können darüber reden und es so nach und nach verarbeiten, ein Baby kann „nur“ darüber Weinen und es so nach und nach verarbeiten…

Von Aletha Solter habe ich gelernt, dass Babys das Weinen nutzen, um sich von Stress zu entlasten und wieder in ein entspanntes Sein zu kommen. Und es ist für mich immer wieder eindrücklich, dies bei Babys zu erleben. Als ich unseren jüngsten Sohn als Baby beim Weinen begleiten durfte, bemerkte ich schnell, wie er nach seinem Weinen viel entspannter war und gut einschlafen konnte. Er weinte anfangs nahezu täglich in unseren Armen – natürlich immer nachdem alle unmittelbaren Bedürfnisse, wie Hunger, Nähe und z.B. eine frische Windel erfüllt waren. Und selbstverständlich habe ich ihn nie alleine weinen lassen, sondern, ich habe ihn bei seinem Weinen begleitet, habe ihm zugehört und ihm dabei in seine Augen geschaut, damit er sehen konnte, dass seine Mama da ist und ihn ernst nimmt. Während seinem Weinen, war es für mich besonders wichtig, einen ruhigen sicheren Ort in mir zu finden. Es war wichtig und hilfreich, mich mit mir zu verbinden – ganz bei mir zu sein, damit sich mein weinendes Baby an meinem Körper orientieren konnte.

Manchmal weinte er nur ein paar Minuten, manchmal dauerte sein Weinen auch 20 oder 30 Minuten (oder länger). Aber er war danach jedes Mal so entspannt und erleichtert, dass ich immer sicherer wurde, dass er mit seinem Weinen seinen Stress erzählt, um sich davon zu entlasten.

Es ist sehr einleuchtend, dass Babys nie alleine weinen dürfen, sondern dass Papa oder Mama bei ihnen sind. Immer wieder kann ich deutlich sehen, wie dankbar Babys und Kinder sind, dass sie „erzählen“ durften, so wie wir als Paar uns gegenseitig unseren Kummer erzählen können.
Wir mit unserer Sprache: den Worten – Babys und Kinder in ihrer Sprache: dem Weinen!

Es entspannt … und … es lohnt sich sehr, weil es so heilsam ist.