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Stillen und Trösten

Immer wieder taucht in meinen Beratungen die Frage auf:
Stillen ist neben der Nahrung doch auch wichtig zur Beruhigung, nährend, für die Bindung und zum Trösten!
Ja, Stillen ist wichtig für Nahrung und Bindung, es ist allerdings nicht der beste und oft nicht der hilfreichste Weg für Beruhigung und Trösten. Warum das so ist, möchte ich in diesem Artikel gerne erklären!

Im Aware Parenting geht es um diese Bindung – UND – gleichzeitig um die starken Gefühle bei Kindern. Hierbei fällt mir auf, dass bedürfnisorientiertes Stillen eben auch dazu führen kann, dass das Bedürfnis des Babys nach entlastetem Weinen nicht erfüllt wird.

Was meine ich damit:
Wenn Mamas immer Stillen, sobald das Baby weint, kann dies dazu führen, dass Babys fast permanent an der Brust sind. Das überfordert viele Mamas sehr.
Daher ist es wichtig im Blick zu haben, dass das Weinen bei Babys unterschiedliche Botschaften hat: ich habe Hunger, ich brauche eine frische Windel, mir geht es nicht gut, ich brauche Nähe, ich möchte was erzählen, usw. Und auch die Botschaft: ich möchte durch das Weinen von meinem Stress entlasten.
Herauszufinden, was das Baby mitteilt mit seinem Weinen ist nach der Geburt eines Babys oft ein wochenlanger Prozess für die Eltern. Auch beim zweiten, dritten, vierten Kind müssen Eltern dies wieder neu herausfinden, weil nun mal jedes Kind anders ist.

Mamas zu empfehlen, bei jedem Weinen das Baby zu stillen, vermittelt vielen Mamas die Botschaft, nur eine gute Mutter zu sein, wenn ihr Baby NICHT weint. Das belastet Mamas (und Papas) sehr und macht einen immensen Druck, Weinen immer möglichst sofort zu stoppen!

Für mich gibt es daher einige Achtsamkeits-Momente bezüglich des Weinens und Stillens:

Wird ein Baby immer gestillt, wenn es weint, bekommt es neben dem Trost an der Brust auch die Botschaft, dass es Nahrung bekommt, wenn es eigentlich weinen möchte (bitte hierzu beim WIENEN nachlesen, denn für Menschen – ob kleine Babys oder große Erwachsene – ist unser Weinen eine unserer wichtigsten Möglichkeit uns von Stress zu entlasten).

Wenn es durch sein Weinen erzählen möchte, dass beispielsweise heute zu viel los war, oder dass es reizüberflutet ist, dass es die Untersuchung beim Arzt schrecklich fand, dass es beim Einkaufen zu hektisch war … und so weiter… ist es wichtig, ihm dabei zuzuhören, anstatt es mit Nahrung oder durch saugen zu „beruhigen“.

Wenn sich das Baby durch das Stillen beruhigt, aber sofort oder bald nach dem Wegnehmen von der Brust oder beim Einschlafen wieder weint, zeigt dies in den meisten Fällen, dass es nicht wieder Hunger hat, sondern sich nicht „beruhigen“ konnte an der Brust, denn eigentlich wollte es „erzählen“ und so entlasten von seinem Stress mit Hilfe seines Weinens.

Schwierig für die Eltern ist es, in den ersten Wochen diese verschiedenen Bedürfnisse zu unterscheiden:
Ist es jetzt Hunger oder ist es entlastendes Weinen. Ist es dem Baby langweilig und möchte es Anregung haben oder sich von seinem Stress befreien, durch sein Weinen. Hat es zu heiß oder zu kalt, oder ist es am Weinen, weil es reizüberflutet ist und möchte das Baby dies mit seinem Weinen mitteilen und sich durch sein Weinen davon entlasten.

Daher kann Stillen trösten, es stillt auch das Bedürfnis nach Nähe, Körperkontakt und Bindung.
Manchmal macht es das Baby aber auch „still“, wo es doch lieber weinen möchte.
Hartnäckige Babys lassen die Brust los und schreien oder wachen nach dem Einschlafen an der Brust sehr bald wieder auf und weinen erneut.

Spätestens hier empfehle ich Eltern: 
Hört eurem Baby zu! Seid euch sicher, ihr seid gute Eltern, auch wenn euer Baby weint, denn ihr seid bei ihm und hört ihm zu! Dein Baby braucht immer deine liebevolle Aufmerksamkeit, wenn es weint, aber es braucht nicht immer deine Brust in diesem Moment.

Denn genau in diesem Moment ist jede auf dem Körper der Eltern geweinte Träne ein Heilungungsprozess und euer Kind weiß: Mama und Papa lieben mich, auch wenn ich weine und mal nicht so gut drauf bin 😉

So kann Stillen nicht dazu führen, dass es die Babys „still macht“, sondern ihren Hunger und ihr Bedürfnis nach Kontakt und Nähe stillt.
Daneben können Babys mit ihrem Weinen, das von ihren Eltern achtsam begleitet wird, sich von ihrem Stress entlasten.